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In den Weiten Rußlands

Teil I der Reportage

Vier Stunden fährt man mit dem Zug von Moskau in das ca. 250 km nördlich gelegene Jaroslavl. Für die Russen ist dies ein Katzensprung - für manche von uns eine Weltreise. Jaroslavl liegt auf dem berühmten Goldenen Ring inmitten einer zauberhaften Flußlandschaft an der Mündung der Kotorosl in die Wolga. Von Mai bis Oktober kann man von hier aus mit dem Schiff die Wolga befahren. Circa 800.000 Menschen leben in der Gebietshauptstadt, die als industrielles und verkehrstechnisches Zentrum für Mittelrußland von großer Bedeutung ist. Als ältestes erhaltenes Denkmal der Baukunst gilt das wehrhafte Christi- Verklärungs- Kloster aus dem 12. Jahrhundert, das zugleich die Funktion eines Kremls innehatte. Der Kreml war im alten Rußland das Verteidigungs- und Verwaltungszentrum mittelalterlicher Städte. Gewöhnlich wurde er auf einer erhöhten Stelle oder wie in Jaroslavl im Dreieck von Flußmündungen errichtet. Im Schutz des Kremls lagen die Kathedralen, der Fürstenhof, die Bojarengüter sowie Verwaltungsgebäude. Im 18. Jahrhundert verloren die Kremlanlagen ihre strategische Bedeutung.

Jaroslavl

Die russische Kirchenmetropole Jaroslavl: Blick über die Stadt vom Glockenturm des Kreml

Jaroslavl ist eine sehr schöne Stadt mit unheimlich vielen Kirchen, Klöstern und gepflegten Parkanlagen. Auch das kulturelle Angebot der Stadt ist gut - von verschiedenen Konzerten bis zu Theaterbesuchen wird alles geboten.

Anfang September kam ich, als Stipendiatin der Alexander-Herzen-Stiftung, nach Jaroslavl. Meine Aufgabe war es, in der dortigen Pädagogischen Universität an der Historischen Fakultät Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten. Freundlich wurde ich sowohl von den Studenten als auch den Dozenten aufgenommen. Ich erteilte in vier verschiedenen Gruppen Stunden. Die Verständigung mit den Anfängern war natürlich am schwierigsten. Sie bestand aus einem Gemisch zwischen Russisch, Englisch, Deutsch sowie einer Sprache bestehend aus Händen und Füßen. Trotz allem hatten wir unheimlich viel Spaß zusammen. Meine Schüler lernten fleißig und hatten sehr viel Interesse daran, etwas über Deutschland zu erfahren.

Gewohnt habe ich in einem Studentenheim für ausländische Studenten in der Nähe der Universität. An der Pforte saß eine alte Dame, welche die Schlüssel verteilt hat. Hier hatte ich ein kleines gemütliches Zimmer. Die Küche und das Badezimmer mußte ich mir mit meinen Nachbarn teilen. Da die Heizung erst Mitte Oktober angeschaltet worden ist, war es meistens sehr kalt. Am Schreibtisch konnte man es zwischenzeitlich nur mit einer Jacke und ständig heißem Tee aushalten. Schon im September fielen die Temperaturen teilweise unter Null Grad.

Das Leben für russische Studenten im Wohnheim sieht allerdings ein bißchen anders aus: sie wohnen zu fünft oder sechs in einem Zimmer und müssen sich mit 20 Leuten sowohl Küche als auch Bad teilen. Allerdings gelingt es ihnen, auch hieraus noch das Beste zu machen. Sie haben sich kleine Abschnitte mit hübschen, selber genähten Gardinen abgetrennt.

Leider haben die Menschen bei uns zum größten Teil ein völlig verklärtes Rußland-Bild (deshalb auch die ausführliche Berichterstattung). Ich habe z.B. während meiner gesamten Zeit in Rußland kein einziges negatives Erlebnis gehabt, obwohl ich sehr viel herumgereist bin und z. B. auch nachts alleine mit dem Zug unterwegs war. Alle Leute waren ausgesprochen gastfreundlich und erfreut darüber, daß sich ein junger Mensch für ihr Land, ihre Geschichte und ihre Sprache interessiert.

In Jaroslavl gibt es auch alles zu kaufen, was man will. Das Schlangestehen gehört längst der Vergangenheit an. Hier in Deutschland vermisse ich vor allem die Läden, die 24 Stunden geöffnet sind. Die Russen haben eine andere Mentalität. Sie sind um einiges spontaner als die Deutschen. Es ist nichts besonderes, daß man sich abends plötzlich überlegt, Freunde einzuladen und zusammen zu essen. Die entsprechenden Utensilien können dann in den bereits erwähnten durchgehend geöffneten Läden auch noch zur späten Stunde gekauft werden. Ein anderes Beispiel sind die Photoläden: Hier konnte ich die Filme um 19.00 Uhr abgeben und am selben Tag um 20.00 Uhr die fertigen Photos wieder abholen.

Da ich nur an drei aufeinanderfolgenden Tagen unterrichten mußte, nutzte ich die restliche Zeit, um durch das Land zu reisen. So kam ich nach Moskau, St. Petersburg, Kostroma, Uglic, Novgorod, Starja Russa, Rostov, Wladimir, Susdal, Ivanovo, Rybinsk....

Mehr hierzu erfahrt Ihr beim nächsten Mal.

Nanette Kaiser

(Artikel aus Fritz 2/2000, Seite 6)

Artikel geändert am 15.01.2007

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