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In den Weiten Rußlands

Teil II der Reportage

Wenn man in Rußland verreisen möchte, sollte man sich die Fahrkarte möglichst ein paar Tage früher beschaffen. Ansonsten kann es sein, daß der Zug ausgebucht ist. Übrigens, ohne Vorlage des Reisepasses (gilt auch für Russen) gibt es keine Fahrkarte. Von Jaroslavl nach St. Petersburg fährt man mit dem Zug zwölf Stunden (eine Nacht). Den billigsten Schlafplatz bekommt man für umgerechnet knapp 20 DM. Auf dem Fahrschein läßt sich die Sitzplatznummer ablesen, was zwar logisch ist, sich auf den ersten Blick aber nicht erkennen läßt. So kann es passieren, daß man mitten in der Nacht - gerade eingeschlafen - von einer nassen Nase angestubst wird. Ein Schäferhund leckte mir durchs Gesicht. Hilfe, war das ein Schreck! Eine Babuschka, die ihre geernteten Früchte auf dem Markt in St. Petersburg verkaufen wollte, war mit ihrem Hund eingestiegen. Ich lag auf ihrem Schlafplatz (zum Glück verstehe ich noch keine russischen Schimpfwörter!).

St. Petersburg

Glanz des alten Rußlands und Anziehungspunkt heutiger Touristenströme: Zwiebeltürme auf einer St. Petersburger Kirche

In St. Petersburg angekommen war mein erster Eindruck etwas enttäuschend. Alles was ich vom Zug aus vom Stadtbild sah, war nicht mehr als eine Vorstadt eines typisch sowjetischen Bauplans. Am Moskauer Bahnhof eingefahren, änderte sich mein Eindruck schnell. St. Petersburg ist nicht Rußland. Es ist wohl heute noch der europäischste Ort in ganz Rußland, das "Fenster zum Westen" Die Stadt hat von ihrem Charme, ihrer Schönheit und Einzigartigkeit nichts verloren. Denkt man sich die Reklame und die vielen Autos weg, fühlt man sich tatsächlich in die Zarenzeit zurückversetzt. Auf den Spuren der Zaren wanderte ich durch den historischen Kern der Stadt. Wegen ihrer vielen Kanäle und der großen italienischen Baumeister, die hier am Werke waren, wird sie oft als "russisches Venedig" bezeichnet.

Eine Fahrt über die Newa, ein Besuch der Eremitage/Winterpalais, ein Spaziergang über die weltbekannte Einkaufsstraße der Stadt, Newskij-Prospekt (4, 5 km) sowie ein Besuch der St. Peter und Pauls Festung (in der dortigen Kirche sind die Zaren beigesetzt) darf in einem St. Petersburg- Programm auf keinen Fall fehlen. Um die Literatur über die unbegreifliche Stadt wirklich zu verstehen, muß man die Metropole, ihre Straßen, in Natura gesehen haben. Auch heute kann man beim Gang über den Newskij noch Gogols Gedanken nachvollziehen.

Im Rahmen des Nordischen Krieges gelang es Rußland 1702 die schwedische Festung Nöteburg einzunehmen. Zum Zweck, weiter an die Mündung der Newa Richtung Ostsee vorzudringen, wurde die Peter- Pauls- Festung angelegt. Im Schutze der Festung entwickelte sich die neue Hauptstadt Rußlands. Der eigentliche Bau der Stadt begann erst nach den entscheidenden Siegen über die Schweden 1712. Hierzu wurden Leibeigene eingesetzt, die zunächst einmal das sumpfige Gelände trockenlegen mußten. Die Bautätigkeiten sollen etwa 20.000 Tote (auch durch Epidemien) gefordert haben. Viele zeitgenössische Schriftsteller haben den Untergang der Stadt prognostiziert: die Natur würde sich die Stadt zurückholen. Die Einwohner von St. Petersburg haben oft mit Hochwasser zu kämpfen sowie auch mit den Folgen, die ein Kanalbau auf sumpfigem Gebiet mit sich bringt. Ab 1713 wurden die Hauptstadtfunktionen aus Moskau an St. Petersburg übertragen, aber Moskau blieb doch die Krönungsstadt und führte auch den Titel Hauptstadt weiter.

Mag der Bau und die Gründungsphase der Stadt noch so viele Anstrengungen und Opfer gefordert haben. So muß man letztlich doch die Frage stellen: Was wäre Rußland, was wäre Europa ohne die Stadt an der Newa, St. Petersburg?

Nanette Kaiser

(Artikel aus Fritz 1/2001, Seite 6)

Artikel geändert am 15.01.2007

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