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Was sind das für Zeichen auf
den Anzügen?
Eine Leserfrage aus dem Ostpreußenblatt vom 8. Februar
2003 |
Die Nadel hat ins Schwarze gestochen: Die Frage von Renate Pöhlmann
aus Herrsching nach den "rätselhaften Zeichen" auf
den Anzügen der sechs Herren auf dem alten Gruppenfoto hat
eine Flut von Zuschriften ausgelöst. Denn es handelte sich
um eine Gruppe ostpreußischer Abiturienten, die - mit
Stürmer und Alberten geschmückt - ihr bestandenes
Examen feierten. Besonders die Alberten - die Nadeln mit dem
Brustbild des Gründers der Königsberger Universität,
Herzog Albrecht von Brandenburg - weckten Erinnerungen bei
jenen Leserinnen und Lesern, die sich einmal selber damit schmücken
durften.
Es kamen jede Menge Briefe und Anrufe mit Erklärungen
über diesen ostpreußischen Brauch. Das Foto hat viele
Erinnerungen geweckt, auch heitere, wie bei jenem Tilsiter, der
bei Frau Pöhlmann anrief und meinte: "Und in diesem Aufzug
zogen sie dann über die Hohe Straße, und abends waren
sie alle voll!" Vielleicht sprachen da eigene Erfahrungen mit!
Interessant sind die Erinnerungen von Eve-Maria
Ludwig, die 1943, also mitten im Krieg, in Heilsberg das Abitur
machte. Sie schreibt: "Im vorauseilenden Eifer glaubte der
Gauleiter Koch, diese Sitte verbieten zu müssen, genau wie
das Tragen der Schülermützen als ,Attribut des Standesdünkels'
jedoch in bezug auf die Alberten und den Stürmer wurde er von
Berlin zurückgepfiffen. Unser verehrter Oberstudiendirektor
Dr. Wischnewski, der nach Eroberung der Stadt in den letzten Januartagen
1945 von den Russen verschleppt wurde und seitdem vermißt
wird, hatte silberne Teelöffel aus seinem eigenen Bestand verkauft
- man mußte für den Erwerb von Alberten in den letzten
Kriegsjahren Gold oder Silber abliefern -, um seinen Abiturientinnen
wenigstens einen Albertus anstecken zu können."
Einige Leserinnen erinnern sich daran, wie sie oder
ihre älteren Schwestern den hohen Stürmer oder das flache
Cerevis für Bruder oder Freund bestickten - eine mühevolle
Arbeit, die auch ich noch vor Augen habe. Meine Schwester bestickte
heimlich den Stürmer meines Bruders, und ich - damals
noch ein siebenjähriges "Gnaschel" - durfte
wenigstens die Chenillefäden in kleine Stücke schneiden.
Sie sahen aus wie winzige goldene Würmchen, wurden wie Perlen
auf eine Nadel gezogen und akribisch auf dem roten Samt zu einem
Muster gestickt. Um das Monogramm HG rankten sich Eichenblätter
- ich weiß nicht, wie viele Stunden meine Schwester daran
gesessen hat, aber es waren schon eine Menge! Das Ergebnis konnte
sich dann auch sehen lassen! Genau wie die Anzahl der Alberten auf
dem Revers, denn Verwandtschaft und Freunde ließen sich nicht
lumpen - Ehrensache!
Ach ja, die Alberten. Wie ich schon in meinem kleinen
Beitrag im "Ostpreußenblatt" vom 15. Februar
2003 angedeutet hatte, ist dieses Thema schon eine längere
Erläuterung wert. Diese Anstecknadeln in Gold oder Silber mit
dem Brustbild des Herzogs Albrecht von Preußen, des Stifters
der 1544 gegründeten Königsberger Universität, waren
dem Standbild nachgeahmt, das neben dem Eingang zur Alten Universität
auf der Dominsel mit Brustharnisch und geschultertem Schwert in
die Mauer eingefügt war. Dieses Brustbild zierte auch das Siegel
der Albertina.
Ursprünglich war der Albertus das Erkennungszeichen
aller Königsberger Studenten gewesen. Sie trugen ihn an Mütze,
Hut oder Revers und machten sich damit als Bürger der alma
mater Albertina kenntlich: "Civis Academiae Alberti",
wie die Inschrift auf dem Albertus besagt. Als erster Träger
wird der Theologiestudent Sawatzki genannt, der 1801 das Bild des
Herzogs am Hut getragen haben soll. Auf seine Anregung und die seines
Kommilitonen Lubecius wurde das Abbild in dieser Form Ostern 1817
allgemein eingeführt. Seit dem historischen Wartburgfest galt
der Albertus als Erkennungszeichen aller Studenten und wurde sogar
von der Polizei als Legitimation anerkannt.
Der Schriftsteller Dr. Hans Lippold hat darüber
allerlei Wissenswertes und auch Amüsantes zusammengetragen.
In "Albertinas Comment" fand er folgende Bestimmung: "Als
allgemeine Studentenrechte gelten folgende: Das Recht, das Albertusbild
als Abzeichen zu tragen. Die Immaturen dürfen es für das
erste halbe Jahr nicht tragen. Füchse und Brenner müssen
jeden mit dem Albertusbild versehenen Studiosus überall, wo
sie ihm begegnen, zuerst grüßen." Auch verschaffte
der Albertus dem Studenten beim Theaterbesuch einen gewissen Vorteil.
So bezahlte er in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts nur einen
halben Gulden Eintritt, was von einem Verbindungsstudenten streng
überwacht wurde - eine sehr gerne ausgeübte Tätigkeit,
denn der Kontrolleur bekam freien Eintritt! Aber das allgemeine
Tragen verlor sich bis zur Jahrhundertwende doch immer mehr. Es
hatte manches heftige Für und Wider gegeben, einige Korporationen
verzichteten auf das Tragen, am längsten hielten noch die Burschenschaften
Teutonia und Gothia an dem Brauch fest. Den hatten inzwischen die
Abiturienten in ganz Ostpreußen aufgegriffen, obgleich er
keinerlei Privilegien brachte, aber Anerkennung für Fleiß
und "Büffelei", ein ehrliches Mitfreuen und Stolz
auf die Rotbemützten und Albertengeschmückten im Familien-
und Freundeskreis.
Fremde waren erstaunt, wenn sie um Ostern - früher
auch zu Michaelis - die jungen Frauen und Männer in ihrem
Schmuck sahen, und jeder Ostpreuße erklärte stolz diesen
Brauch. Es gibt da schon nette Anekdoten wie die von einem bekannten
Theologieprofessor, der als junger Mann am Friedrichskolleg in Königsberg
sein Abitur gemacht hatte und kurz darauf zu einer Hochzeit in eine
kleine mitteldeutsche Stadt reiste. Er hatte sich an seinen Frack
einen Albertus gesteckt, der einem alten Geistlichen auffiel. Auf
seine Frage erklärte der junge Student, daß das ein Albertus
sei, das Zeichen der Königsberger Abiturienten. Darauf meinte
der alte Herr: "So, so, der heilige Adalbert, ja, den habt
Ihr ja da oben totgeschlagen ..." Er hatte den Herzog Albrecht
mit dem Bischof Adalbert von Prag verwechselt, der im Jahre 997
bei Tenkitten den Märtyrertod starb.
Viele Ostpreußen verschenken heute noch
Alberten zum Abitur
Bezugsquellen für
Cerevis und Coleurartikel
Auch nach dem Krieg, als viele ostpreußische
Familien diese Tradition aufrechterhielten, wenn Töchter oder
Söhne an ihrem neuen Wohnort die Reifeprüfung bestanden,
erregten die Alberten Aufsehen - bis heute! Wie die alteingesessene
Königsberger Juwelier-Firma Walter Bistrick, die noch immer
die Alberten herstellt, erklärt: "Wie einst in der Heimat,
so tragen auch heute unsere Abiturienten mit Stolz ihren Albertus
als Symbol des Weiterlebens der Albertina!"
Vielleicht hat durch das alte Gruppenfoto - das
die Schwester von Frau Pöhlmann im Nachlaß ihres Vaters
entdeckte und das den Töchtern bis dahin nicht bekannt war -
unser alter stolzer Brauch einen neuen Auftrieb bekommen. Den vielen
Zuschriften nach, die Frau Pöhlmann und unsere Redaktion erhalten
haben, muß man das annehmen. Jedenfalls sagte mir spontan
ein alter Königsberger Freund: "Mein Großneffe macht
bald sein Abitur. Natürlich bekommt er jetzt einen Albertus
von mir ..." Und einen bekamen wir sogar zugesandt: von Herta
Mattisat aus Haar, die mit Dia-Vorträgen unsere Heimat lebendig
erhält. Dafür herzlichen Dank, liebe Frau Mattisat!
Auch allen Einsendern und Anrufern, die zu diesem
Thema Stellung genommen habe, sagen wir ein herzliches Dankeschön.
Es zeigt doch, wie fest verwurzelt wir in unserer Heimat sind und
wie wir manchen Brauch lebendig erhalten können. Auch wenn
wir räumlich von ihr getrennt sind.
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